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Der aktuelle Impuls

Die Trauernden Trauernde sein lassen

 

 

Trauer wird in unserem Kulturkreis meist gleichgesetzt mit Weinen. Weinen löst den Schmerz, Weinen lindert, Weinen setzt Signale, wie „Es geht mir gerade sehr schlecht!“. Das ist allgemein akzeptiert und ist sicher auch richtig. Auch andere heftige emotionale Reaktionen, wie beispielsweise leichte Reizbarkeit oder Angstzustände (Angst um die verbleibenden Mitmenschen oder um das eigene Leben) werden zumindest eine Zeitlang von den Mitmenschen toleriert. Aber nicht alle Menschen können die exakt gleiche Reaktion auf einen Todesfall zeigen. Manche Menschen weinen nie. Manche weinen nicht einmal eine ganze Woche lang und dann nie mehr. Andere können erst nach Monaten weinen. Kinder weinen manchmal sogar überhaupt nicht und stellen häufig aus Sicht eines Erwachsenen befremdliche Fragen, was manchmal den Eindruck erweckt, Kinder bis zu einem gewissen Alter können nicht trauern. Trotz der während der Trauerphase üblichen Farbe Schwarz empfinden manche beispielsweise den Wunsch während der Trauerzeit grüne Kleidung zu tragen, da dies die Lieblingsfarbe des Verstorbenen war und man sich auf diese Weise dem Verstorbenen verbunden fühlt. Statt Verständnis für ihre Art mit der Trauer umzugehen, müssen sie sich dann häufig Kommentare anhören, wie „Ist Deine Trauerphase etwa schon vorbei?“

 

Angehörige sollten gegenseitig die jeweilige Trauerreaktion möglichst wahrnehmen und akzeptieren, aber nicht interpretieren oder werten. Deutungen wie „Du trauerst ja nicht!“ oder die Frage, ob die persönliche Trauerzeit schon vorbei sei, können zu einer zusätzlichen emotionalen Belastung führen. Auch ist es gefährlich, wenn beispielsweise Eltern meinen, ihr Kind wäre gerade sowieso anderweitig beschäftigt und sich dann darüber unterhalten, ob das Kind wohl noch zu jung und unreif sei um die Endgültigkeit von Omas Tod wirklich zu verstehen. Spätestens wenn sein Name fällt wird es nämlich doch hellhörig und fühlt sich dann in seiner Trauer missverstanden. Manche sind dann regelrecht schockiert darüber, dass sie offenbar auf andere so unreif und albern wirken. Andere denken sich „Was habe ich nur falsch gemacht, dass sie denken, Oma ist mir so egal gewesen, dass ich nicht einmal um sie trauere?“

 

Tatsächlich weiss man heute, dass im individuellen Umgang mit der Trauer auch eine Methodik steckt, um mit dem Verlust umzugehen. Klar wirkt das auf den ersten Blick ein wenig absurd, wenn der trauernde Witwer beispielsweise jede Woche ins Fitnessstudio geht oder die trauernde Witwe anfängt quietschbunte Deckchen zu häkeln. Manchmal meinen die Angehörigen dann sogar eingreifen zu müssen „Du gibst Dir schon seit Stunden so viel Mühe mit Deinem neuen Bild. Jetzt gönn‘ Dir doch eine Auszeit! Die hast Du ohnehin nötig, bei dem was Du gerade durchmachst!“ Das die Person sich gerade in einer emotionalen Stressituation befindet ist sicher richtig. Trotzdem gilt, wer auch in der Trauer aktiv sein möchte, sollte das tun. Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass gerade der Wechsel zwischen zwei Zuständen, z.B. zurückziehen und aktiv sein, neue Synapsen wachsen lässt. Neue Synapsen bedeuten "Lernen" und was anderes als ein Lernprozess an dem man wachsen soll ist schon ein Trauerprozess.

 

Wir als der Freundeskreis des Trauernden haben – vor allem bei bereits Erwachsenen – nicht die Aufgabe, ihnen zu vorzugeben, welcher Weg der Trauerbewältigung für sie der Beste wäre; wir sind nicht verpflichtet, ihm Vorhaltungen zu machen, welches Verhalten sich für einen Trauernden gehört und welches nicht und als Nicht-Psychologen müssen wir auch keine Diagnose, wie Unreife oder – im Falle der intensiv häkelnden Witwe – Verdrängung diagnostizieren. Oft genügt es schon, zuzuhören, dem Trauernden Hilfe anzubieten (anzubieten und nicht aufzudrängen) und ihm Fragen – deren Antworten wir zu akzeptieren haben - zu stellen, wie „Wie fühlst Du Dich?“, „Möchtest Du über Deine Trauer reden?“, „Möchtest Du über den Verstorbenen reden?“ u.a. Und ja, tatsächlich verspüren viele Angehörige den Wunsch über den Verstorbenen zu reden und ein Gespräch über ihn hat überhaupt keine negativen Auswirkungen. Eher positive!

 

Doris Schlapansky  

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